Multisensory Processing and the Neglected Senses

Im Alltag sind wir Multisensorik-Experten. Im Labor hingegen wurde jahrzehntelang vor allem unisensorische Verarbeitung und Wahrnehmung, hauptsächlich im visuellen und auditiven Bereich, untersucht. Nachdem sich die psychologischen und neurophysiologischen Methoden sowie die Möglichkeiten der Stimuluspräsentation in letzter Zeit rapide entwickelt haben, können wir nun auch die bereits in den Anfängen der Psychologie formulierten Fragen und Hypothesen zu anderen Sinnen und zum Zusammenspiel der Sinne (vgl. etwa das Molyneux-Problem) untersuchen. In den letzten Jahren liegt dementsprechend ein Forschungsschwerpunkt auf multisensorischer Verarbeitung und Integration. Darüber hinaus werden zunehmend bisher weniger beachtete Sinne (Olfaktorik, Haptik, Gleichgewichtssinn etc.) – sowohl einzeln als auch in der Interaktion mit anderen Modalitäten – in den (kognitiv-psychologischen) Blick genommen. Hierbei gibt es zahlreiche Anknüpfungspunkte zu einer Vielzahl kognitiver Fragestellungen, etwa zu Fragen zur Wahrnehmung des eigenen Körpers und des Selbst, zu „embodied cognition“, Gedächtnis, Bewusstsein, Aufmerksamkeit, Emotion, der Interaktion von Wahrnehmung und Handlung etc. Das Thema spielt auch in entwicklungspsychologischen sowie in angewandten Bereichen eine große Rolle, beispielsweise in Lehr-Lern-Kontexten, bei Mensch-Maschine-Interaktionen, beim Gaming und Multitasking, bei Zeugenaussagen oder auch im Therapiebereich, etwa bei Posttraumatischen Belastungsstörungen.